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Heiligen-Geist-Gemeinde Rostock

„Glas, auf das man schaut“

Ein Puzzle aus 2400 Teilen? Für Geübte sicher kein Problem. Wenn die Teile aber aus Glas sind, das kleinste winzig wie ein Stecknadelkopf ist, und jedes einzelne vor dem Aneinanderfügen filigran in Blei gefasst werden muss, wird es problematisch. Und ein Fall für Christian Plothe. Der 59-Jährige Glasdesigner und Restaurator ist bei solchem „Fummelkram“ ganz in seinem Element. Immer vorausgesetzt, es geht um das, was die Alten Germanen wie den Bernstein „glasa“ nannten, „das Schimmernde, Glänzende“. Diese Transluzenz des allgegenwärtigen Werkstoffs Glas ist es, die Christian Plothe fasziniert. In seiner Kunstglaswerkstätte entsteht „Glas, auf das man schaut, nicht durch das man hindurchsieht“. Gemäß diesem Ansatz arbeitet er nach Traditionen und mit Technologien aus der Zeit vor der Industrialisierung, als Künstler oder Handwerker ihre schöpferischen Ideen bzw. Entwürfe noch selbst in die Praxis umsetzten. Das erfordert Fantasie, Einfallsreichtum, künstlerische Begabung und handwerkliches Geschick sowie Kenntnis und Verständnis der Historie. Dass Christian Plothe von alldem ein gehöriges Quantum besitzt und in unterschiedlichen Bereichen der Glaskunst zu Hause ist, zeigen zum einen restaurierte Buntglasfenster in etlichen Kirchen des Landes. Er sei mit diesen Arbeiten sehr zufrieden, zieht Experte Frank Hösel vom Landesamt für Kultur- und Denkmalpflege M-V eine Zwischenbilanz. Die nun wieder intakten Wappen in der Fassade des Rostocker Ständehauses zeigen eine weitere Facette im Können des Glasdesigners. Von zahlreichen historisch wertvollen Stifterscheiben hat er ebenfalls die Spuren der Zeit und von Wind und Wetter getilgt, allein neun davon sind im Gotteshaus von Groß Zicker auf Rügen zu bewundern. Für den Nachbau eines zerstörten historischen Details den Segen der staatlichen Denkmalbehörde zu bekommen, ist nicht leicht. Glasdesigner Plothe hat auch solche Hürden genommen. Unter anderem für seine Kopien der Bleiglas-Fenster von Schloss Rossewitz bei Laage. Kreativität ganz anderer Art hat er bei der Gestaltung der Fenster zweier Gefängniskapellen bewiesen. Am Fenster eines Gotteshauses ist Christian Plothe auch derzeit wieder zu Gange. Das eingangs erwähnte, aus 2400 Teilen bestehende „Glas-Puzzle“ ist nämlich kein Fantasie-Produkt, sondern das Nordfenster der Rostocker Heiligen-Geist-Kirche, das 32 Quadratmeter misst. Das gleichgroße Gegenstück auf der Südseite des Kirchenschiffs wurde bereits vor zwölf Jahren instand gesetzt. Nun waren auch die nordwärts gerichteten, ebenfalls in Blei gefassten Bildkompositionen aus kostbaren, manuell hergestellten Gläsern völlig marode und wurden in den letzten drei Jahren nur noch mittels Klebebändern am Platz gehalten. Die Sanierung des Nordfensters koste rund 67 000 Euro, ist von Marcus Antonioli zu erfahren, Pastor der Heiligen-Geist-Gemeinde. Den Großteil der Summe tragen die Hansestadt Rostock und die Stiftung Kirchliches Bauen in Mecklenburg. Das restliche Geld sei seit dem 100.Jubiläum der Kirchweihe im Mai 2012 durch Sammlungen und Spenden zusammengetragen worden. Der Erlös des Weihnachtskonzerts, zu dem das Autohaus Plath traditionell einlädt, ging z. B., wie seit zwölf Jahren schon, an die Heiligen-Geist-Gemeinde. Zum Dank werde der Name der Spender in eine Glasschmelzarbeit - eine verkleinerte Darstellung des Nordfensters - unter der Orgelempore eingraviert. Witterungseinflüsse und Korrosion seien Gründe für den Zustand der Fenster seines Gotteshauses. Doch nicht nur die Fenster haben arg gelitten sondern auch das Mauerwerk, das sie hält und stützt. „Etwa ein Drittel aller Rippensteine müssen neu angefertigt und aufgemauert werden“, sagt Fachmann Plothe und betont, dass solche Steine keine Massenware und deshalb kostspielig seien. Bei den Restaurierungsarbeiten in seinem Atelier wird der Rostocker Glasdesigner derzeit von Praktikantin Dagna Krysiak (26) aus Polen unterstützt. War es nach seinen Worten schon „überaus schwierig und nur mittels Diamantschneider möglich“, die Fenster aus der Leibung zu trennen, so fordere das Herauslösen der einzelnen Elemente aus der Bleifassung im Glasatelier, die Kartierung im Feld, das Reinigen und Zusammensetzen sowie das erneute Einpassen in Blei schier unendliche Geschicklichkeit und Geduld. „Dagna hat das voll drauf“, so Christian Plothe. Der Rostocker Restaurator Marcus Mannewitz nimmt sich derzeit die Zeit, öfter im Atelier seines Kollegen von der Glaserzunft vorbei zu schauen. Das Fenster, an dem dort gerade gearbeitet wird, sowie das Pendant auf der Südseite hat sein Vater entworfen: der Maler, Grafiker und Restaurator Lothar Mannewitz aus Rostock (verstorben 2004). Es handelt sich bei besagten Fenstern bereits um die zweite Generation, die ursprünglichen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und mussten gänzlich erneuert werden. So geschehen 1958. „Bei der Wahl der Themen folgte Lothar Mannewitz einer Kirchenbau-Tradition“, erläutert Pastor Antonioli, „indem er auf der Südseite im sogenannten Pfingstfenster ein Kapitel aus dem Neuen Testament und im Norden Passagen aus dem Alten Testament mit Moses als zentrale Figur und den brennenden Dornbusch in Szene setzte.“ Die Passion von Christian Plothe ist es, möglichst viele der etwa 130 Buntglasteile und -teilchen in jedem der 42 bildgebenden Einzelfelder zu erhalten und die fehlenden bzw. unreparablen so authentisch wie möglich zu ersetzen. „In Bayern gibt es eine kleine Firma, die Gläser herstellt wie in den 50er-Jahren, sie mit Metalloxyden einfärbt wie damals“, sagt er. Während die Eisen- bzw. Stahlkonstruktionen des Fensters weiter verwendet werden können, müssen die Bleiruten erneuert werden. Rute für Rute zieht Plothe sie selbst. Das Werkzeug dazu symbolisiert einmal mehr sein Streben nach Authentizität: ein Bleizug von anno 1777. Der Bleizug stammt aus Familienbesitz. 1921 hat Großvater Alfred Plothe in der damaligen Kasernenstraße – jetzt Budapester Straße – eine Werkstatt für Glasbearbeitung und Spiegelherstellung eröffnet. Nach dem Krieg übernahm Sohn Carl-Alfred die Firma und führte sie bis zur Rente 1991. Doch obwohl Sohn Christian an der Materie interessiert war und sich als talentiert in dem Handwerk erwies, wollte er genau so wenig wie sein älterer Bruder beruflich in Vaters Fußstapfen treten. Vielmehr zog es ihn in die Welt hinaus. Genauer gesagt auf die Meere der Welt . Mit dem Diplom eines Schiffsingenieurs in der Tasche fuhr er auf Handelsschiffen und auf Seenotrettungskreuzern. Bis sich dann doch noch zeigte, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Der technische Schiffsoffizier Christian Plothe hängte 1997 seinen Seesack an den sprichwörtlichen Nagel und widmete sich dem gleichen Metier wie der Großvater und Vater, wenn auch auf andere Art und Weise. Die Erinnerungen an das Dorado seiner Kindheit, in dem nicht Gold, sondern Glas schimmerte, wo es nach Leinölkitt roch und der Vater den Sohnemann ob’ dessen Geschicklichkeit lobte, hat sicher zu diesem Entschluss ihr Scherflein beigetragen. Vielleicht hat unterbewusst auch jener Kunstdruck die Entscheidung beflügelt, der ihn oft als letzter Blickfang von der Kammerwand her in die Traumwelt begleitete und eine von Seeleuten Ende des 16.Jahrhunderts mitgebrachte und der Heimatkirche in Groß Zicker gespendete bunte Fensterscheibe zeigt. Dass er dereinst dem Original dieses historischen Kleinods mittels seiner Kunstfertigkeit die einstige Schönheit zurückgeben würde, das hätte sich Christian Plothe damals allerdings nicht träumen lassen.

Angela Golz von der Oz Deluxe

 

Bitte spenden Sie unter dem Stichwort „Nordfenster“ auf das Konto der

Heiligen-Geist-Kirchengemeinde Konto 1083945 BLZ 130 900 00 VR-Bank Rostock.