Am 6. Dezember 2009 feierte einer der bekanntesten Dirigenten der Gegenwart, Nikolaus Harnoncourt, seinen 80. Geburtstag. In einem Interview, das aus diesem Anlaß mit ihm geführt wurde, sagte er sinngemäß: Alle Kunst – und also auch alle gute Musik – hat immer etwas mit Religion zu tun und ist Ausdruck einer religiösen Haltung. So wie es beim Glauben ist, so ist es auch bei der Kunst und bei guter Musik: sie stellen eine Art Nabelschnur dar, die uns mit Gott verbindet. Ohne Religion kann ich mir daher mein Leben mit der Musik nicht vorstellen. Natürlich hat Harnoncourt mit seiner Äußerung einen weit gespannten Horizont abstecken wollen, über dessen jeweilige Abgrenzung man sich im Einzelnen streiten mag. Doch bei dem Adventskonzert der Heiligen-Geist-Kantorei am
Samstag, dem 12. Dezember 2009, lag es auf der Hand: Es war nicht nur ein wunderschönes Konzert, sondern auch ein Konzert mit einem eindeutigen geistlichen Bezug.
Werfen wir einen Blick auf das Programm und seine Abfolge. Neben einigen Liedern, die während des Konzertes an verschiedenen Stellen von der Gemeinde und dem Chor gemeinsam gesungen wurden, seien zunächst zwei Weih-nachtslieder aus dem Baltikum genannt. Beide stammen aus der Feder zeitgenössischer Komponisten. Vielleicht erschienen diese Lie-der manchem Hörer anfänglich etwas fremd, doch sie entfalteten dann durch ihre herbe Schönheit – und nicht zuletzt auch durch ihre für unsere Ohren etwas ungewöhnlichen weihnachtlichen Texte – ihren ganz eigenen Reiz und ihre eigene Wirkung.
Die weitere Programmabfolge des Konzertes wurde durch zwei größere Werke geprägt: durch die Choralkantate „Vom Himmel hoch“ von Mendelssohn- Bartholdy und durch die Kantate Nr. IV aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach.
Die Textvorlage für seine Choralkantate, die Mendelssohn-Bartholdy 1831 in Rom komponiert hat, bildet – wie schon die Bezeichnung sagt – der Choral „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Martin Luther hat dieses Weihnachtslied 1535 für seine fünfköpfige Kinderschar geschrieben, die nach seiner Heirat 1525 mit Katharina von Bora in dem ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg aufwuchs. In einer Luther-Biographie lesen wir über die Entstehung dieses Liedes folgendes: Luther hat den Text seines Liedes als ein Vater geschrieben, der mit seinen Kindern, seiner Ehefrau und der „Muhme Lene“ das frohe Fest der Weihnacht möglichst lebendig und kindgerecht feiern wollte. Er knüpfte dabei wohl an eine ältere Sitte an, bei der ein Engel als Bote und Verkündiger mitten unter die feiernde Menge trat, um ihr die „gute neue Mär“, also die frohmachende Weihnachtsbotschaft, zu bringen. Die Empfänger der Botschaft antworteten darauf mit Worten wie diesen (siehe Strophe 6 ff): „Des lasst uns alle fröhlich sein und mit den Hirten gehen hinein …“. Die Worte in Strophe 14: „Davon ich allzeit fröhlich sei, zu springen, singen immer frei …“ erinnern wohl an den alten Brauch, den weihnachtlichen Dialoggesang mit einem Tanzreigen der versammelten Menge zu beschließen.
Felix Mendelssohn-Bartholdy hat aus diesem fröhlichen Weihnachtslied, das voller Leben und Bewegung steckt, eine ebenso bewegte und kraftvolle Choralkantate gestaltet. Für uns als Chorsänger war es nicht so ganz einfach, uns in die etwas ungewohnten Klänge der Mendelssohnschen Kantate und in das darin teilweise vorgelegte Tempo hineinzufinden. Die Reaktion der zahlreich erschienenen Ge-meinde am Ende des Konzertes zeigte jedoch, dass die Dynamik, das Tempo und die fröhliche Bewegtheit und Lebendigkeit der
Musik die Hörer wirklich erreicht hat.
Einen dritten Schwerpunkt des Konzertes bildete die Aufführung der vierten Kantate aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach. Die einzelnen Teile bzw. Kantaten dieses Oratoriums wurden zum ersten Mal nacheinander an den drei Weihnachts-Feiertagen, am Neu-jahrsfest, am Sonntag nach Neujahr und am Epiphaniasfest 1734/35 in Leipzig aufgeführt und zwar im Rahmen der
Vormittags-Gottesdienste von St. Nikolai und der Nachmittags-Gottesdienste in St. Thomas. Für Bach waren also die sechs Kantaten des Oratoriums – ebenso wie alle anderen seiner vielen geistlichen Kantaten – eingebettet in den Gottesdienst. Sie stellten einen wichtigen Bestandteil der gottesdienstlichen Verkündigung dar. Mit Hilfe der benutzten Choräle und Chorsätze, der Arien
und der Rezitative folgen sie alle dem Grundmuster „Lesung – Betrachtung – Gebet“. Sie sind dementsprechend auch ihrem jeweiligen Ort innerhalb des Kirchenjahres verpflichtet.
Für die Kantate Nr. IV des Oratoriums heißt das konkret, dass dort nicht etwa Bezug genommen wird auf den Beginn eines neuen Jahres, sondern auf die ursprüngliche Bedeutung des 1. Januar im kirchlichen Festkalender. Dort zählt der 1. Januar zu den Christus-Festen und gilt als der „Tag der Beschneidung und Namengebung des Herrn“. In der Mitte der Kantate steht also aus gutem
Grunde der entsprechende Text aus Lukas 2,21: „Und da acht Tage um waren, dass das Kind beschnitten würde, da ward sein Name genennet Jesus …“. „Jesus“ ist die griechische Fassung des hebräischen Namens „Joschua“, auf deutsch „Jahwe (also Gott) hilft“. – Die alten Römer sagten: „nomen est omen“, frei übersetzt heißt das: der Name wird zum Programm. Um das „Programm“, also um den Auf-trag und die glaubensmäßige Bedeutung Jesu und seines Namens kreisen daher alle Texte der Choräle, der Arien und
Rezitative der Kantate Nr. IV. „Wohlan, Dein Name soll allein in meinem Herzen sein“ – das ist nicht nur das Thema, sondern auch die Botschaft dieser Kantate. Und diese Botschaft behält immer und überall ihre Aktualität – unabhängig von ihrem Platz innerhalb des Kirchen-jahres.– Angemerkt werden soll an dieser Stelle, dass dem Programmablauf dankenswerterweise auch der Text der Kantate Nr. IV beigefügt worden war. So konnte der Hörer der Beziehung zwischen Musik und Text leichter nachspüren.
Die für die Durchführung des Konzertes notwendigen Instrumentalisten und Solisten – aus Kostengründen auf ein Mindestmaß reduziert – wurden mit wenigen Ausnahmen von Musikstudenten aus Rostock bzw. einigen anderen Orten gestellt. Sie alle brachten sich nicht nur mit ihrem Können, sondern auch mit ihrem Engagement und mit hoher Konzentration in die von ihnen übernommene Aufgabe ein. Dafür gebührt ihnen der Dank der Gemeinde.
Auch der Chor der Heiligen-Geist-Kantorei war konzentriert und engagiert ganz bei der Sache, um das nicht gerade einfache Programm meistern zu können. Von der zahlreich erschienenen Hörerschaft, die die Heiligen-Geist-Kirche bis hinauf in die Emporen fast gänzlich füllte, wurde daher auch das Adventskonzert dankbar angenommen. Das bewies der lebhafte Beifall am Ende des Konzertes.
Darf ich jedoch als Mitsänger im Chor – entsprechend jenen Sätzen, die ich an den Anfang dieses Berichtes gestellt habe –abschließend noch einen Wunsch und eine Hoffnung zum Ausdruck bringen? Mein Gefühl und meine Hoffnung sagen mir, dass der langanhaltende Beifall nicht nur den Ausführenden und auch nicht nur unserer Kantorin Frau Frei, die Schwerstarbeit zu leisten hatte, galt, sondern auch so etwas wie ein „Amen“ sein sollte, also die dankbare Antwort der versammelten Gemeinde auf jene Botschaft, die der Programmgestaltung dieses Konzertes zugrundelag und der dieses Konzert vom Anfang bis zum Ende dienen wollte.
Christian Starke