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Heiligen-Geist-Gemeinde Rostock

Walcker-Orgel

Von Dorothee Frei
Die Heiligen-Geist-Gemeinde ist gegründet worden aus der Gemeinde St. Jakobi. Die Hauptkirche St. Jakobi (zwischen Lange Straße und Kröpeliner Straße gelegen) wurde im 2. Weltkrieg beschädigt, bei der Sprengung eines benachbarten Bunkers zerstört, die Überreste 1960 gesprengt und abgetragen. Diese Kirche konnte zur vorigen Jahrhundertwende die große Zahl der Gemeindeglieder nicht mehr aufnehmen und man entschloß sich 1905 zu einem neuen Kirchenbau. Prof. Vollmer aus Berlin erhielt den Auftrag zur Planung und Durchführung des Neubaus. 1908 war die Heiligen-Geist-Kirche fertiggestellt: Ein norddeutscher Backsteinbau im Stile der Neogotik mit jugendstilgeprägter Innenausstattung und 1000 Sitzplätzen.

Als Orgelbaumeister erwählte man die Firma Eberhard Friedrich Walcker & Cie. aus Ludwigsburg, zu jener Zeit eine der modernsten und teuersten Orgelbauwerkstätten.
Walcker nämlich hatte ein neues Tonsystem erfunden, die pneumatische Kegellade. Wie auch der berühmte Orgelbaumeister Cavaillé-Coll in Paris, mit dem er in gedanklichem Austausch stand, verfolgte Walcker ein orchestrales Klangideal auf breiter 8´-Basis mit wenigen Aliquoten und Zungenstimmen, ideal zur Darstellung romantischer Orgelmusik mit der Wärme ihres Klanges und der Leichtgängigkeit ihrer pneumatischen Traktur.

60 Jahre später machte die damalige Auffassung der Bach-Renaissance im Zuge der ausgehenden Orgelbewegung mit ihren Barockisierungstendenzen der romantischen Klangfülle auch in der Heiligen-Geist-Kirche ein vorläufiges Ende. Aus dem romantischen Klangkörper wurden alle Streicher-Stimmen entfernt und Register mit dem Klang barocker Blasinstrumente einverleibt (Blockflöte, Krummhorn, Rankett).
Zeit- und systembedingte Materialknappheit, sowie die Unvereinbarkeit zweier verschiedener Klangideale im engen Raum eines Orgelgehäuses setzten dem Instrument, den Zuhörern und nicht zuletzt den amtierenden Organisten so zu, daß eine Entscheidung notwendig wurde. 1997 lernte ich die damalige Organistin der Stadtkirche Sternberg mit ihrer gerade durch die Werkstatt Christian Scheffler general-überholten Walcker-Orgel kennen (sie ist die kleinere Schwester unserer Walcker-Orgel).
Eine Orgelfahrt von Gemeindegliedern gemeinsam mit Christian Scheffler überzeugte alle Zuhörer von der Klangschönheit und Kraft dieses nicht durch Verbesserungsversuche entstellten Instruments und ließ den Entschluß reifen, der größten erhaltenen Walcker-Orgel Norddeutschlands ihren wahren, ursprünglichen Charakter zurückzugeben.

Am Sonntag Trinitatis, dem 10. Juni 2001, 93 Jahre nach der Fertig-stellung durch Walcker, kann das Werk der Gemeinde der Heiligen-Geist-Kirche und der wachsenden Zahl von Freunden dieses Instruments über das Land Mecklenburg hinaus wieder übergeben werden. In einer Zeit des Traditionsabbruchs und des Kulturabbaus, in der die Bewahrung von kulturellen Gütern und Werten eine unserer wichtigsten Aufgaben geworden ist, legt dieses Instrument Zeugnis ab von der klanglichen Aussagekraft der spätromantischen Orgeln und der Meisterschaft ihrer Erbauer in der Epoche um die Jahrhundertwende 1900.


Die rekonstruierte Orgel gestattet jetzt nicht nur die authentische Wiedergabe romantischer Werke, etwa von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Max Reger, und César Franck und ihrer musikalischen Nachfahren, sondern auch die Interpretation von Meisterwerken Bachs und der Barockzeit – wenngleich im romantischen Gewand.
Möge der Klang dieses Orgelwerks den Hörenden im Gottesdienst und im Konzert zur Freude, zum Trost und zur inneren Erbauung dienen.

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Es war einmal in Ludwigsburg...
Eine Geschichte aus dem Leben


Von Herbert Raddatz

Stöbert man in der Geschichte des Orgelbaus, stößt man zweifellos auf diejenige Orgelbaufirma, die für Deutschland, Europa, ja sogar die ganze Welt eine Bereicherung darstellte. Es ist die Orgelbauer-familie Walcker, die ihren Handwerksbetrieb anno 1756 gründete. Johann Eberhard Walcker machte sich in diesem Jahr in seinem Geburtsort Cannstadt (bei Stuttgart) als Orgelbauer selbstständig. Nach 43 Jahren vermachte J. E. Walcker die Werkstatt seinem Schwiegersohn Andreas Laukhuff, der diese kurze Zeit später nach Pfedelbach verlegte. Eberhard Friedrich Walcker, der Sohn J. E. Walckers und gelernter Orgelbauer, ging nach Ludwigsburg (Württemberg) und eröffnete dort die Orgelbauwerkstatt Walcker. Diese Werkstatt nahm am 08.01.1821 ihren Betrieb auf. Im Gegen-satz zu der Cannstädter Werkstube nahm sich Eberhard Walcker auch Neubauaufträgen an, an denen es allerdings während der Anlaufphase mangelte. Die Kirchen hatten noch die Kosten der vergangenen napoleonischen Ära zu tragen.
Mit der Zeit folgten den kleineren Aufträgen mehr und mehr bedeutende Arbeiten, wie zum Beispiel der Bau der Orgel in der Frankfurter Paulskirche, durch den dem Hause Walcker ein nahezu phänomenaler Erfolg gelang, der seinen künstlerischen und geschäftlichen Ruf in Europa und sogar weltweit begründete. Aus Russland kam 1836 der erste Auslandsauftrag, dem weitere folgten. Nach und nach versah die Firma Walcker mehrere süddeutsche Hauptkirchen mit Orgeln, die von Kirche zu Kirche größer und anspruchsvoller gebaut wurden. Somit zwang die Größe der Auf-träge zu einer sorgfältigeren Planung, Organisation, Arbeitsteilung und nicht zuletzt zu beruflicher Spezialisierung sowie dem damit verbundenen Einsatz neuer Techniken. Zu Beginn wurden die Orgeln noch mit Schleifladen und mechanischer Traktur gebaut. 1842 erfolgte die Einführung der Kegelladen. Schließlich brachte der Firma Walcker die Anwendung des Barkerhebels 1845 und der pneumatischen Traktur 1890 ein großes Ansehen und somit die wirtschaftlichen Vorteile gegenüber weiteren Orgelbauwerkstätten.. Nachdem 1842 Heinrich Spaich aus Spaichingen Teilhaber der Firma wurde, folgten Walckers Söhne Heinrich I und Friedrich ab
1854. Seitdem war die Firma bekannt unter dem Namen E.F. Walcker & Cie.
Die Söhne Eberhard und Paul als Orgelbauer sowie Karl als Orgel-bauer und Kaufmann stiegen ebenfalls in die Firma ein und leiteten diese gemeinsam mit ihren Geschwistern bis 1916.
Zum Beginn Gründerzeit 1871 zog sich E. F. Walcker aus seinem Geschäft wegen seiner gesundheitlichen Probleme zurück. Von seinem mit reichlich Arbeit erfülltem Leben berichtet er selbst:
„Ich habe die Liebe zum Orgelbau von meinem Vater geerbt. Die Mutter war gegen die Wahl dieses Berufes, weil er gar zu schlecht lohne. [...]“
Bis zu diesem Jahr verließen laut Opuszählungen 266 Orgeln die Werkstatt.
Unter der Leitung Oscar Walckers, Enkelsohn des Eberhard Friedrich Walckers und Sohn des Friedrich Walckers, wurde die Werkstatt nochmals ausgebaut. Trotz der Vergrößerung des Familienbetriebes wurde stets großer Wert auf die Erhaltung des grundlegenden Handwerks der Orgelbaukunst gelegt. Er erweiterte die Pneumatik, die sein Großvater erfand und baute sie zur Elektro-pneumatik aus, wodurch zeitgemäß phänomenale Orgeln (bis zu 200 Register) erbaut werden konnten. Oscar Walcker erhielt 1921 die Ehrendoktorwürde der Universität Freiburg. Sein einziger Sohn Heinrich II, welcher ebenfalls Orgelbauer erlernte, verstarb kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Aufgrund dieser Geschehnisse wurde die Firma direkt an seinen Enkel Werner Walcker-Mayer überschrieben. Dieser eröffnete kurz nach seiner Meisterprüfung in Murrhardt (Württemberg) eine Zweigfirma, wo von nun an die Metallpfeifen hergestellt wurden. Auch der Firmensitz befand sich von der Zeit an in Murrhardt. Das Geschäft wurde einige Zeit später wiederum nach Hanweiler/Saar verlegt. Walcker-Mayer errichtete 1965 die „Walcker-Stiftung für orgelwissenschaftliche Forschung“ und erhielt wie sein Großvater die Ehrendoktorwürde der Universität Freiburg.
Neben dem Orgelbau wurde in Hanweiler/ Saar eine eigenständige Innenausbau- Abteilung aufgebaut. Doch gerade dieser Produktionsbereich erwies sich im Laufe der Zeit als nicht rentabel.
Am 11. November 2000 stellte die Firma E.F. Walcker GmbH & Co. KG Insolvenz-Antrag. Nach vielen Höhen und Tiefen und einer Opuszahl von rund 5900 Orgeln im Laufe von mehr als
Am 11. November 2000 stellte die Firma E.F. Walcker GmbH &Co. KG Insolvenz-Antrag. Nach vielen Höhen und Tiefen und einer Opuszahl von rund 5900 Orgeln im Laufe von mehr als 200 Jahren Firmengeschichte wohl ein absoluter Tiefpunkt, stand doch zunächst nicht einmal die Zukunft der Firma fest.
Die vier Mitarbeiter Macke, Hilt, Benoit und Schömer entschlossen sich, um die Orgelbautradition des Hauses Walcker nicht einfach untergehen zu lassen, die Geschicke der Firma in die Hand zu nehmen. Nur ihnen ist es zu verdanken, dass die Firma „Orgelbau E.F. Walcker GmbH“ auch heute noch besteht.

Die großen Orgeln, die von der Firma Walcker erbaut wurden, sind im Folgenden aufgeführt:
-    Paulskirche, Frankfurt am Main (1833); 74 Register
-    Stiftskirche, Stuttgart (1839); 65 Register
-    Petrikirche, Leningrad (1839); 65 Register
-    Münster, Ulm (1857); 100 Register
-    Music Hall, Boston (USA, Massachusetts; 1863); 89 Register
-    Dom, Riga (1885); 124 Register
-    Stephansdom, Wien (1886); 90 Register
-    Reinoldikirche, Dortmund (1909); 105 Register
-    St. Michaelis, Hamburg (1912); 163 Register
-    Stadthaus, Stockholm (1924); 115 Register
-    Kilianskirche, Heilbronn (1959); 55 Register

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Die Orgelbewegung hinterläßt ihre Spuren


Frank Ivemeyer

1909, ein Jahr nach Einweihung der Walcker-Orgel unserer Kirche, arbeitete eine Kommission unter Federführung Albert Schweitzers auf dem Kongreß der Internationalen Musikgesellschaft in Wien ein Regulativ aus, mit dem eine Abkehr vom fabrikmäßigen Orgelbau zur handwerklichen, individuellen Fertigung propagiert wurde. Bei derselben Gelegenheit wurde auch ein Antrag gestellt, „die wenigen noch erhaltenen Orgeln aus dem 18. Jahrhundert einmal aufzunehmen und als historische Denkmäler zu klassieren, damit sie nicht dem Vandalismus der Neuzeit zum Opfer fallen ...“

Zentrale Figur neben Schweitzer, der sich vor allem für die Wieder-entdeckung der Orgelmusik J. S. Bachs stark machte, war der Hamburger Schriftsteller Hans Henny Jahnn (1894-1959). Seine Begeisterung für die Orgel nahm ihren Ausgang in Bützow: Als Zwölf-jähriger entdeckte er die Stiftskirche in Bützow als architektonisches Kleinod, das eine spätgotische, 1608 erweiterte Orgel beherbergt hatte. Zu Beginn dieses Jahrhunderts indes war dieses Instrument bereits nicht mehr vorhanden. 1877 hatte Friedrich Friese III eine neue Orgel errichtet, den spätgotischen Prospekt aber einbezogen. Überliefert ist eine Aufzeichnung der alten Disposition, nicht aber das Pfeifenwerk.

In den Folgejahren trug Jahnn verschiedene theoretische Schriften zum Orgelbau der vergangenen Jahrhunderte zusammen, darunter das noch heute als Standardwerk geltende Buch L’Art du Facteur d’Orgue des Franzosen Dom Bedos de Celles; zum anderen de Organographia, eine Bestandsaufnahme der damals erklingenden Orgeln Michael Praetorius’ aus dem Jahre 1619. Auf der Grundlage der beschriebenen Werke entstand 1921/22 an der Musikhoch-schule in Freiburg/Breisgau die Praetoriusorgel, die den Anstoß für die Wiederentdeckung der Orgelliteratur der frühen Barockzeit geben sollte. Gleichzeitig wurde mit ihr – durchaus fragwürdig – ein Klangideal der Barockorgel schlechthin statuiert. Den Bau dieser Orgel hatte der Freiburger Professor Wilibald Gurlitt initiiert und beauftragte mit deren Ausführung die Firma Walcker. Oskar

Walcker selbst empfand den Klang des Instruments als „unseren Ohren fremden Klang“. Jahnn über diese Orgel: „Es wurde mein, wenn auch nicht größtes musikalisches, so doch mein reinstes Orgelerlebnis bis dahin. Orgel und Komposition war in vollkommenstem Einklang miteinander.“

1922 machte Jahnn den Thomaskantor Günther Ramin auf die Arp-Schnitger-Orgel in Hamburg, St. Jacobi, aufmerksam, auch diese Orgel hatte er 1919 wie Jahre zuvor die Bützower Orgel eher zu-fällig entdeckt. Ramin gab auf diesem Instrument eine Reihe von Konzerten zur Finanzierung der damals notwendigen Reparatur-arbeiten.

Der Bau der Orgel in Freiburg und die Wiederherstellung der in ersten Weltkrieg malträtierten Hamburger Orgel kennzeichnen den Beginn der Orgelbewegung. Eine einheitliche Richtung dieser Bewegung indes lässt sich schwerlich ausmachen – weder hinsichtlich des zu verfolgenden Klangideals noch in technischen Fragen, ob etwa die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, wie elektropneumatische Trakturen aus Anlaß von Reparaturarbeiten auch in barocken Orgeln Platz finden dürften. Unter der fachlichen Leitung von Christhard Mahrenholtz, der früh von der Orgelbewegung beeinflusst war, wurde in die Arp-Schnitger-Orgel in Norden/ Ostfriesland 1929 eine pneumatische Traktur integriert, nachdem seit fast 250 Jahren eine mechanische Traktur ohne größere Reparaturen überdauert und funktioniert hatte. Bereits nach wenigen Jahren wurde deutlich, daß die Orgel hierdurch schlechter spielbar war als zuvor. Vor dem zweiten Weltkrieg begnügte man sich über-wiegend mit der Erhaltung der originalen Disposition, obwohl sich Jahnn bereits früh auch für die Rückbesinnung auf den handwerklichen Orgelbau und deren technischen Standard (Schleifladenorgel mit mechanischer Spieltraktur) stark gemacht hatte.
Unter dem Etikett der Orgelbewegung wurden noch bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Orgeln gebaut, bei deren Dis-position mehr und mehr die wiedergewonnenen Erkenntnisse über den Orgelbau der vergangenen Jahrhunderte einflossen. Weder technisch noch klanglich konnten diese Instrumente an die erhaltenen Originale heranreichen, vielerorts waren diese Werke nach 50 Jahren, teils nach 30 Jahren abbruchreif.
Vor den Orgeln des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, die dem spätromantischen Klangideal folgten, machten die Verbesserungs-
Bemühungen nicht halt. Das orchestrale, grundtönige (wenig ober-tonreiche) Klangbild mochte zwar der Darstellung der Werke Regers und Brahms’ dienen, das Interesse der Kirchenmusik galt jedoch wieder der Begleitung des Gemeindegesangs, in evangelischen Gemeinden insbesondere trat die Pflege des Orgelwerks Bachs in den Vordergrund.
Hartwig Eschenburg, 1957-1960 Organist und Kantor in Bützow, folgte ganz dem damaligen Zeitgeschmack, als er die „Barockisierung“ des Klangbildes der Orgel der Stiftskirche anregte. Die in den Folgejahren dort durchgeführten Arbeiten, bei denen mehrere der „romantischen“ Register ausgetauscht wurden, fanden damals allgemeine Zustimmung. Jene Dispositionsänderung, ist dort mittlerweile ebenso rückgängig gemacht worden wie die Veränderungen an unserer Orgel.
Auch das Verblassen der Orgelbewegung kann mit dem Namen
J. S. Bach verknüpft werden: In den 50er Jahren suchte Helmut Walcha, Professor für Orgel an der Musikhochschule Frankfurt/M., für seine Gesamteinspielung der Orgelwerke Bachs Instrumente, die aus dessen Zeit ohne Entstellungen überdauert hatten. Die Orgeln in Sachsen und Thüringen, insbesondere die Werke Gottfried Silbermanns waren ihm nicht zugänglich. Deshalb entstanden die Aufnahmen an der Schnitger-Orgel in Cappel/Niedersachsen, die weitgehend im Originalbestand erhalten war.
Eine neue Generation Orgelbauer, allen voran Ahrend und Brunzema in Leer begannen in jenen Jahren damit, die in jener Region noch reichlich vorhandenen Werke aufgrund der erhaltenen Befunde rein handwerklich zu rekonstruieren. Sie erteilten allen Ab-sichten, Kompromisse in Fragen der Materialwahl, der Ergänzung durch „moderne“ Klangfarben oder durch Veränderung der Stimmung einzugehen, eine Absage. Damit war der Weg frei zu der
Erkenntnis, daß Authentizität nur durch die Vielfalt der historisch gewachsenen Lösungen zu erreichen sei. Bestärkt wurden sie durch die Pioniere der „historischen Aufführungspraxis“, damals vor allem Nicolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt.
Daß unsere Orgel nach hundert Jahren ebenfalls als wertvolles Dokument einer bestimmten Epoche wahrgenommen wird, das es zu erhalten gilt, steht deshalb in engem Zusammenhang mit der Durchsetzung der Bemühungen um Werktreue und authentische Spielpraxis. Die Restaurierungsbemühungen galten zunächst den ältesten erhaltenen Instrumenten, in den letzten zehn Jahren verstärkt den in die Jahre gekommenen Werken der vorletzten Jahrhundertwende. Ist es da verwunderlich, daß sich Harnoncourt inzwischen der werktreuen Interpretation der Sinfonien Anton Bruckners zugewandt hat?
Christian Scheffler, geboren 1954, lernte nach Abitur und Tischlerlehre bei Wilhelm Sauer in Frankfurt/Oder das Orgelbauerhand-werk. Nach einem Restauratoren Studium am Musikinstrumenten-museum Leipzig war er zuletzt leitender Restaurator der Firma Sauer.

Als sich Scheffler 1990 mit einigen Kollegen zusammenfand, um eine neue Werkstatt zu gründen, geschah dies vornehmlich, weil sie eigene Ideen und Konzepte umsetzen und erproben wollten. Ihnen war, wie auch vielen Organisten der jungen Generation, bewusst geworden, dass der moderne Orgelbau mit seiner Produktion möglichst perfekter „Musikmaschinen“, weitgehend in eine Sackgasse geraten war, dass vielen neuen Instrumenten der beseelte Klang, der sie bei alten Instrumenten faszinierte, fehlte, ja der Klangcharakter neuer Orgeln sich teilweise in beängstigender Weise der Sterilität elektronischer Musikinstrumente genähert hatte. Von Anfang an hat sich die Werkstatt Chr. Scheffler darum bemüht, an die zum Teil verschütteten, davor über Jahrhunderte zusammengetragenen Erkenntnisse des klassischen und romantischen Orgelbaues wieder anzuknüpfen. Will man auf dieser Grundlage Neues schaffen, das sich dem Ererbten, der Orgelbautradition bis etwa 1915, bruchlos anschließt, so ist das Wichtigste die Kenntnis und die respektvolle Wiederherstellung alter Orgeln. So bildet nach wie vor die Restaurierung historischer Instrumente, vornehmlich des 19. und 20. Jahrhunderts, den Schwerpunkt in der Tätigkeit der Werkstatt. Hierbei konnte festgestellt werden, dass die Instrumente der Romantik oft weniger entfernt sind von der echten Barockorgel, als deren neobarocke Imitationen der 60er bis 80er Jahre.

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Die Orgelwerkstatt Christian Scheffler

Von Dorothee Frei

Seit 1990 wurden durch die Werkstatt Christian Scheffler u.a. folgende Arbeiten ausgeführt:
Jakobuskirche Ilmenau
Restaurierung der Walcker-Orgel von 1911

Stadtkirche Sternberg/Meckl.
Restaurierung der Walcker-Orgel von 1895

Thomaskirche Leipzig
Restaurierung der Sauer-Orgel 1889/1908

Schelfkirche Schwerin
Rekonstruktion der Friese-Orgel 1858

Marienkirche Mühlhausen
1. Bauabschnitt Restaurierung der Sauer-Orgel 1891

Jakobskirche Köthen
Restaurierung der Ladegast-Orgel 1872

Bremer Dom
Restaurierung der Sauer-Orgel 1894

Stadtkirche Sibiu (Hermannstadt) Rumänien
Restaurierung der Sauer-Orgel 1914

Dom in Tallinn/Estland
Restaurierung der Sauer-Orgel 1913

Michaeliskirche Leipzig
Restaurierung der Sauer-Orgel 1904

Michaeliskirche Lüneburg
Restaurierung der Furtwängler & Hammer-Orgel

Dom zu Merseburg
Restaurierung der Ladegast-Orgel von 1853

Barcelona, Palau de la musica de Catalania (in Planung)
Walcker-Orgel von 1908

Quelle: Jubiläumsschrift von Martin Rost zum
5-jährigen Werkstatt-Jubiläum.

Disposition 1968/1977        Originale Disposition

I. Hauptwerk            

Prinzipal 16´                Prinzipal 16´
Quintatön 16                Bordun 16´
Prinzipal 8´                Prinzipal 8´
Hohlflöte 8´                Hohlflöte 8´
Gemshorn 8´                Viola da Gamba 8´
Octave 4´                Gemshorn 8´
Kleingedackt 4´                Octave 4´
Blockflöte 2´                Rohrflöte 4´
Octave 2´                Fernflöte 8´
Quinte 2 2/3´                Octave 2´
Terz 1 3/5                Cornett 8´
Mixtur 4-5-fach                Mixtur 2-4-fach
Zimbel 3-fach                Trompete 8´
Trompete 8´


II. Manual

Quintatön 8´                 Quintatön 16´
Gedackt 8´                 Principal 8´
Prinzipal 4´                 Konzertflöte 8´
Rohrflöte 4´                 Rohrflöte 8´
Silbermann Prinzipal 2´             Salicional 8´
Spitzquinte 1 1/3´             Octave 4´
Nachthorn-Terz 1 3/5´             Traversflöte 4´
Octävlein 1´                 Piccolo 2´
Scharff 4-fach                 Rauschquinte 2-fach
Rankett 16´                 Clarinette 8´
Krummhorn 8´             




III. Schwellwerk

Lieblich Gedackt 16´            Lieblich Gedackt 16´
Prinzipal 8´                Geigenprinzipal 8´
Konzertflöte 8´                Flauto dolce 8´
Gedackt 8´                Lieblich Gedackt 8´
Aeoline 8´                Aeoline 8´
Vox coelestis 8´                Vox coelestis 8´
Octave 4´                Flauto amabile 4´
Nachthorn 4´                Flautino 2´
Schwiegel 2´                Oboe 8´
Quinte 1 1/3´
Mixtur 5-fach
Franz. Trompete 8´
Oboe 8´

Pedal

Prinzipalbaß 16´                Principal 16´
Subbaß 16´                Violon 16´
Gedacktbaß 16´                Subbaß 16´
Choralbaß 4´                Gedacktbaß 16´
Gedacktflöte 4´                Octavbaß 8´
Nachthorn 2´                Flötenbaß 8´
Rauschpfeife 5-fach            Cello 8´
Posaune 16´                Gedacktbaß 8´
Trompete 8´                Posaune 16´
Clarine 4´

Spielhilfen:

Superoctavkoppel III, Suboctavkoppel III/II, Superoctavkoppel I, Koppeln III/II, III/I, II/I, I/Pedal, II/Pedal, II/Pedal; Feste Kombinationen: Tutti, Forte, Mezzoforte, Piano
Auslöser Freie Kombination, Handregister ab, Zungen ab. Schweller für III. Manual¸Generalkoppel, Crescendo ab, als Tritt; Crescendowalze. Die Kirchengemeinde Heiligen-Geist hat keine eigene an-nähernd vollständige Chronik Ihrer knapp hundertjährigen Geschichte. Deshalb bleibt das Verzeichnis der Kirchen-musiker, die hier gewirkt haben, fragmentarisch. Soviel ist bekannt:


Die Kantoren und Kantorinnen an der Heiligen-Geist-Kirche
1918 bis 1923        Paul Gengnagel
Studienrat Paul Gengnagel (11.06.1889-26.09.1978) unterrichtete an der Großen Stadtschule am Rosengarten. Über Gengnagels musikalische Wurzeln weiß Hartwig Eschenburg folgendes zu berichten: Während seines Studiums in München im Winter 1908/09 las er das Buch Albert Schweitzers über Johann Sebastian Bach, das ihn nachhaltig beeindruckte. Er wechselte nach Straßburg, suchte dort die persönliche Begegnung mit dem Theologen und Musiker Albert Schweitzer. Diese Begegnung sollte sein späteres musikalisches Wirken in Rostock prägen. Die Stellung als Kantor in der Heiligen-Geist-Gemeinde gab er 1923 auf, gründete im selben Jahr den Rostocker Bachchor, mit dem sich Gengnagel zunächst der Wiederentdeckung der Musik der alten Meister und der Pflege des Werkes von J. S. Bach verschrieb, später zunehmend Werke seiner Zeitgenossen Hugo Distler, Ernst Pepping und Hans-Friedrich Micheelsen aufführte. Hartwig Eschenburg gehörte diesem Chor bis zu dessen Auflösung 1961 ebenfalls an und ist, wie er selbst sagt, darin musikalisch groß geworden.

1938 bis 1945        Walter Möller

1945 bis 1947        Christa Vollrath

1947 bis 1972        Herbert Reichelt
Herbert Reichelt (17.06.1907-13.12.1994) war als Kind Solist des Leipziger Thomanerchores unter Karl Straube. Eine Konzertreise mit diesem Chor führte ihn nach Norwegen, er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Osloer Knabenchores, dessen Leiter ihn adoptierte. Nach seinem Abitur in Norwegen kehrte Reichelt zum Studium der Kirchenmusik nach Leipzig zurück.
Ab 1946 wirkte er als Dozent für Theorie und Korrepetition an der Hoch-schule für Musik Rostock, nach deren Auflösung 1950 lehrte er an der Fachschule für Musik und an der Universität. Daneben leitete er das Collegium musicum der Universität.
1948 gründete er den Kirchenchor unserer Gemeinde und leitete ihn bis zu seiner Pensionierung 1972.

1973 bis 1978         Annegret Heuck (verh. Münch)

1978 bis 1982        Wolfgang Rosenmüller

1982 bis 1987         Katharina Seibt

1987 bis 1990         Karsten Seibt

1991 bis 1996         Brita Möller

seit 1996         Dorothee Frei